Kleine Türkin, mittellange Texte

Mein Bild
Nur ich liebe dich, die anderen lügen!

Samstag, 30. Juli 2011

Großvaters Warnung

In einer kleinen Hütte, im Wald, der vielen Hasen, wohnen die Großeltern von Tim und Paul. Jeden Donnerstag laufen die Brüder zusammen in den Wald, zur kleinen Hütte ihrer Großeltern.

Oma Elli ist eine prima Köchin. Wenn die beiden Enkel vorbeischauen hat sie immer den besten Eintopf gekocht, das beste Brot gebacken und das beste Fleisch zubereitet. Opa Hans hat immer die besten Geschichten auf Lager und wie jeden Donnerstag erzählt er sie seinen zwei Enkeln beim Speisen.

"Tim, wie alt bist du nun? 11?"
"Nein, ich hatte doch letzten Monat Geburtstag, ich bin schon 12."
"Ach stimmt, natürlich.. mein Gedächtnis! Und Paul, du bist dann wohl 8, nicht wahr?"
"Stimmt!"

"Nun, dann ist es wohl so langsam an der Zeit eine Geschichte über eure Zukunft zu erzählen."
"Nicht doch, Hans! Das verwirrt die Kleinen immer nur. Das hast du auch bei ihrem Vater getan.. "
".. uuuund es hat geholfen, Elli! Es hat geholfen, dass weißt du."
Etwas verwirrt schauen sich die Brüder an und wollen dann genau wissen, was der Großvater meint.
"Erzähl es uns, Großvater! Na los!" - sagt Tim begeistert.
"Nun gut, dann fang ich mal an.." - Opa Hans legt Gabel und Messer auf den Tisch, wischt sich die Hände mit einem Tuch ab und lehnt sich zurück.

"Jeder von uns hat im Leben eine Gabe und einen Fluch. Was die Gabe und was der Fluch ist, muss jeder von euch für sich selbst rausfinden. Die Gabe müsst ihr entdecken um den Fluch zu brechen. Könnt ihr mir folgen?"

Die Brüder nicken skeptisch.

"Nun, der Fluch wird euch ein lebenlang begleiten, ihr werdet immer darunter leiden müssen, es sei den ihr setzt eure Gabe gegen den Fluch ein, um ihn zu brechen. Ihr müsst aber bis dort hin erst einmal rausfinden müssen, was eure Gabe und was euer Fluch ist. Das wird dauern und es wird euch oft auf die Probe stellen. Aber auch wenn ihr wisst, was eure Gabe und was der Fluch ist, müsst ihr großen Mut haben um die Gabe gegen den Fluch einsetzen zu können. Das wird eine große Aufgabe!"

Paul - "Und was ist, wenn wir nicht den Mut haben den Fluch zu brechen oder niemals rausfinden, was unsere Gabe ist?"

Großvater - "Dann werdet ihr den Fluch mit ins Grab nehmen und immer leiden."
Großmutter - "Hans, jetzt mach den Kleinen doch keine Angst!"


Großvater gehorcht seiner Frau, zwinkert seinen beiden Enkeln zu und isst weiter.
Am Abend gehen Tim und Paul wieder zurück nach Hause. Beide sind ungewöhnlich still. Die Worte ihres Opas machen den Brüdern zu schaffen.

"Denkst du das stimmt?" - fragt Paul
"Großvater lügt nicht, ich denke schon."

Zu Hause angekommen, gehen beide direkt schlafen. Sie redeten nie wieder über dieses Thema, aber es bleibt ihnen immer im Gedächtnis.

Als Tim und Paul erwachsene Männer geworden sind und aus dem Haus gehen, um die weite Welt zu sehen, trennen sich die Brüder für eine lange Zeit. 18 Jahre vergehen bis die Brüder sich wieder sehen. Der Tod ihres Vaters brachte sie zurück nach Hause.
Die Mutter sieht zwei Reiter kommen. Sie kommen aus verschiedenen Richtungen. Der eine trägt ein prachtvolles Gewand und hat ein starkes Pferd, der andere hat langes zerzaustes Haar und dreckige Klamotten und Hände. Beide werden herzlichst Empfangen. Es wird getrauert und erinnert. Als die Sonne unter geht, gehen die Brüder raus, legen sich auf den Hügel, wie damals als Kinder und erzählen sich was sie erlebt haben.

Paul wurde Ritter, arbeitet für einen König und hat einen Sohn von seiner, von ihm sehr geliebten, Frau.
Tim ist Schmied, hat zwei Töchter, die er aber nie sieht, da ihn seine Frau für einen Metzger verlassen hat.

Sie erzählen sich alles mögliche. Bis Tim zum Schluss etwas einfällt.
"Weißt du noch, als Großvater uns die Sache mit der Gabe und dem Fluch erzählt hat?"
"Gewiss."
"Hast du beides gefunden?"
"Nein. Du?"
"Nein."

Die Brüder gehen zu Bett. Am nächsten Morgen liegt Paul blutend auf dem Heuhaufen der Pferde. Die Mutter findet ihn auf und schreit. Tim eilt zu den Beiden.
Tim - "Hol schnell ein paar Tücher, Verband und einen Eimer Wasser!"
Paul ist sehr schwer verletzt und Tim weiß, dass es nur noch wenige Minuten bis zu Paul's Tod sind.

Tim und Paul schauen sich direkt in die Augen. Paul richtet sich ein kleinwenig auf, um etwas zu sagen, Tim hilft ihm dabei. Paul spricht mühsam zu Tim.

"Deine Gabe ist deine große Zuneigung, dein Fluch ist der Neid."
Tim's Mundwinkel zuckt kurz nach oben.
"Und deine Gabe ist es Dinge zu durchschauen, dein Fluch ist das zu große Vertrauen in den guten Menschen."

Paul stirbt in Tim's Armen.

Freitag, 25. März 2011

Geschlossene Augen

Um genau 11 kommen wir auf der Drum'n'Bass Party an. Ich bin voller Freude und Euphorie dort angekommen. Und komplett besoffen. Ich glaube, dass ich selten sooo betrunken war. Ganz klischeehaft habe ich alles doppelt gesehen und alles drehte sich um mich. Obwohl mich das Gefühl etwas beunruhigte, da ich mich nicht wirklich so gut damit auskannte (bin sonst immer der Fahrer), hatte ich dennoch eine wirklich positive Stimmung. Meine positive Einschätzung der Situation führte auch dazu, dass ich natürlich das kiffen nicht ausgelassen habe, nur weil ich schon besoffen war. Rauchen, rauchen, rauchen und weiter rauchen. Mein Bewusstsein schaltete immer weiter ab und irgendwann saß ich nur noch in einem ruhigen Nebenraum mit Sofas und redete mit irgendwelchen Fremden. Ich hatte mir zur guter Letzt' noch ein Red Bull geholt, dass ich dort beim Sitzen und Reden mit den Fremden genüsslich zu mir nahm.
Nach einer Weile, merke ich, dass mir immer schwummriger wird. Ich bin zunächst auf die Toilette, da ich dachte, dass ich erbrechen muss. Als sich das aber als falscher Alarm rausstellte, hielt ich es für möglich, dass frische Luft mir etwas gut tun würde. Ich ging also raus. Atme tief ein und aus. Ich merke, wie müde und fertig ich bin und die Kälte draußen macht mir auch ein wenig zu schaffen. Ich fühle mich wirklich sehr schwach und schließe die Augen, um sie etwas zu entspannen.

Plötzlich ist mir überhaupt nicht mehr kalt. Doch es ist alles so hell, dass ich wirklich nichts mehr sehe. Alles weiß. Was ist hier los? Und obwohl mich diese plötzliche Wendung erschrecken und panisch machen sollte, bleibe ich ganz ruhig und fühle mich wohl. Das Weiß wird dunkler, Muster bilden sich. Ich bin plötzlich auf einer Wiese mit Blumen. Tausenden von Blumen. Ein buntes Meer. Um Gottes Willen, ich glaube, ich habe noch nie so etwas wunderschönes gesehen. Auch wenn ich mich einmal um meine Achse drehe, weit und breit nur Blumen. Und wie es duftet. Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin, aber ich hoffe, dass ich nie wieder gehen muss. Ich betrachte die Schönheit mit offenem Mund. Der Wind streichelt mir leicht über die Haut und dann durchs Haar. Meine Lungen füllen sich komplett mit der frischen Luft. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Ich genieße den leichten Sonnenstrahl, wie er mich leicht wärmt und schließe nochmal die Augen. Ich wollte sie eigentlich gar nicht schließen, da ich jeden Augenblick nutzen wollte, um diese Schönheit zu betrachten.

Mir wird wieder etwas kälter. Ich öffne die Augen und es ist dunkel. Ich liege in meinem Bett, in meinem Zimmer. Enttäuscht stehe ich schlagartig auf und suche verzweifelt, mit meinem Blick, nach den Blumen, die sich Sekunden zuvor um mich befanden. Wo sind sie hin? Mein Zimmer ist kalt und ungemütlich. Ich fühle mich unwohl und ergreife sofort die Flucht aus dem Zimmer. Ich öffne meine Zimmertür, laufe durch den dunklen Flur ins Bad. Das ganze Haus ist ganz leise. Ich gehe runter in die Küche und sehe, dass es früh am morgen ist und die Sonne gleich aufgehen müsste. Mir ist alles etwas unangenehm, obwohl ich nicht genau weiß warum. Ich laufe die Treppen wieder hoch, in mein Zimmer. Ich lege mich wieder ins Bett und schließe die Augen und hoffe, dass ich wieder zurück auf meine Wiese komme, doch vergebens... nach dem öffnen meiner Augen liege ich immer noch in meinem Bett und schaue hoch an meine Decke. Ich bleibe liegen und wende meinen Blick nicht von der Decke ab. Ich betrachte die eigentlich orangene Wand im Dunkeln und mache keinen Mucks. Zeit vergeht und es kommt mir so vor, als würde ich schon Ewigkeiten so daliegen. Plötzlich bemerke ich einen Unterschied.

Mein Körper meldet sich. Irgendetwas stimmt nicht. Meine Muskeln spannen sich langsam alle nach einander immer mehr an. Ein unwohles Gefühl verbreitet sich langsam in meinem Körper. Irgendetwas passiert mit mir. Ich spüre nun einen Druck auf meinem rechten Bein. Der Druck wandert und breitet sich aus. Ich spüre ihn nun auch im linken Arm, in der Brust, im Kopf und Schultern. Mein gesamter Körper verkrampft sich und mein Schädel fängt an zu dröhnen. Die Schmerzen werden immer heftiger, bis ich anfange zu schreien. Auf einmal zucke ich ganz heftig, dass mein gesamter Körper kurz vibriert. Ich liege da und die Schmerzen sind verschwunden. Ich lasse alles los und schnaufe. Die Anspannung hat mich sehr belastet. Doch es fängt wieder an. Das selbe Gefühl, der selbe Ablauf. Wieder fange ich an zu schreien und nun kommen mir auch Tränen, weil ich den Schmerz nur mühsam ertrage. Zucken und vorbei. Was ist bloß los? Ich fange an ganz leise verzweifelt zu weinen. Es passiert noch einmal. Schmerzen, ein Schrei und ein Zucken. Mein Schnaufen wird immer lauter und plötzlich spüre ich mein Herz ganz deutlich. Ich höre es, ich fühle wie es gegen die Brust schlägt. Es fängt an zu stechen. Von der einen Sekunde auf die nächste meldet es sich einfach und sticht so heftig das ich mich mit den Händen in meiner Brust festkralle und schreie wie am Spieß.

Ich reiße meine Augen auf. Sternenhimmel. Mein Körper ist eisig. Ich fühle mich leer und schwach. Mein Blick ist komplett verschwommen und mein Herz rast. Ich liege auf etwas Kaltem. Ich drehe mich zur Seite und breche. Nachdem ich fertig bin, höre und sehe ich immer klarer. "Was ist los?"- frage ich in die Leere und eine Stimme antwortet von links.
"Alles okay. Beruhige dich." - sagt der Mann an meiner Linken.
Ich nehme meine Umgebung war. Blaulicht. Notärzte. Die Stimmen meiner Freunde im Hintergrund. Ich richte meinen Oberkörper auf und schaue an mir herrunter. Mein Hemd aufgerissen, meine Beine haben Schürfwunden.

Ich fange an zu verstehen und mein Herz macht dabei einen überwältigenden Sprung.
Ich lege meinen Kopf wieder auf den kalten Asphalt, atme unbewusst ganz tief ein und schließe die Augen, damit ich leise vor mich hin murmeln kann:

"Ich lebe."

Donnerstag, 3. Februar 2011

Grundschulkumpel, Pausenbrot und Faxen

Februar 2001, ich bin junge 9 Jahre alt und geh' in die 3. Klasse. Harte Zeiten sollen angeblich auf uns warten, den im 2ten Halbjahr hat sich Frau Fischer eine Sitzordnung zusammengestellt. Angst und Bange, den damals war das nichts Lockeres. Nein! - Hier lief das noch anders. Ein halbes Jahr neben jemanden, der eine Phase deiner Kindheit komplett beeinflussen wird. Es könnte einer der Mädchen sein, die ich richtig gern hab oder der eklige Dennis, den keiner wirklich mag. Es werden Gerüchte auftauchen, wenn man neben einem Jungen sitzt. Man könnte eine neue beste Freundin bekommen, wenn man sich neben einer der Mädchen setzen darf. Deine Noten könnten schlechter werden, wenn du neben Jessi sitzt. Du könntest dich daran gewöhnen freiwillig Hausaufgaben zu machen, wenn du neben Lars sitzt.

Wir müssen uns vorne an der Tafel alle aufstellen. Nacheinander werden unsere Namen vorgelesen und wir werden verteilt. Ouh... Steffi muss neben Lena sitzen. Mögen sich nicht und werden sich zu mögen haben. Oliver neben Jana, sie wird sich in ihn verlieben. Wenn nicht freiwillig, wird die Klasse so lange sticheln, bis sie es ist. Jonas sitzt neben Aileen. Aileen findet Jonas ganz eklig, oh nein.. da sind auch schon die ersten Tränen.

2. Reihe.
Ich werde nicht aufgerufen. Die Mädchen die ich richtig gern habe wurden schon hingesetzt. Verdammt! Es sind nur noch Kevin, Andrea, Marcel und ich übrig. Oh nein, Marcel muss alleine sitzen, er ist der Klassenclown und darf kein Kind negativ beeinflussen.. zack, sitzt ganz hinten links, allein. So, nur noch Andrea, Kevin und meine Wenigkeit. Andrea mag ich eigentlich nicht so arg.. aber wäre ganz nett sie näher kennen zu lernen. Kevin hasse ich! Er ist ein Trottel und hat mich schon zwei mal geärgert, ich find ihn richtig blöd! Doch alleine sitzen wäre das Schlimmste.
Andrea wird hingesetzt.. . Los sagen sie es: "Revan neben Andrea." - Los los los los!

"Andrea, du wirst leider alleine sitzen. Falls der Marcel aufhört Faxen zu machen, darf er sich zu dir setzen."

Das ist übrigens niemals geschehen.

Neeeeeeeeeeeeeein.. na gut, wenigstens nicht allein, aber.. neeeeeeeeeeeeeeein!
Kevin? Ein halbes Jahr? Oh verflucht, ich will ganz bestimmt nicht in ihn verliebt sein, er ist hässlich und ganz gemein. Ein großer, dicker Junge der immer ganz fiese Sachen zu Mädchen sagt. Ich will nicht mit ihm reden, genau.. ich werde einfach ein halbes Jahr nicht mit ihm reden. Nichts.. oh nein, Mama.. hol mich hier raus!

Kevin und ich setzen uns als letztes hin. Er schaut kurz zu mir, dann wieder nach vorne. Er mag mich auch nicht, ich weiß das. Ich mag ihn auch nicht, dass weiß er erst recht. Och manoooo.
Wir haben kein Wort geredet, nichts.
Nach Schulaus lauf ich mit hängendem Mundwinkel und Capri-Sonne schlürfend nach Hause. Im Zimmer schmeiß ich meine Schulsachen direkt in die Ecke, ess zu Mittag und geh raus mit den Nachbarskindern Basketball im Hof spielen.

Am nächsten Tag fällt mir auf dem Weg zur Schule ein, dass ich die Hausaufgaben vergessen habe, da ich den ganzen Tag draußen war. Die Strafe für fehlende Hausaufgaben kam damals einer Todesstrafe nahe. Panisch lauf ich extra schneller um die Hausaufgaben noch schnell in der Schule nach zu machen. Im Klassenzimmer setzt ich mich sofort an meinen Tisch, noch kaum jemand da, außer Kevin.
Ich fang an hastig in mein Heft zu kritzeln.

"Was machst du da?" - Kevin.
"Nichts.. ."
"Sag doch.. ?!"
"Nichts, hab ich gesagt!"
"Du machst doch Hausaufgaben, ich habs doch gesehn!"
"Ja und? Ich hab sie gestern halt vergessen!"
"Ich pätz dich!"
"Nein, dass machst du nicht."
"Doch, werd ich."
"Du bist voll gemein, Kevin!!" - schrei ich und schreibe hastig weiter.
Die Lehrerin kommt wenige Minuten später rein, ich habs eben noch so geschafft, eine gesamte Seite zu schreiben. Voller Angst warte ich ab.. wehe Kevin sagt etwas!

Hausaufhabenkontrolle. Kevin streckt und verrät mich.
Ich habe vor Wut meine Faust geballt und die Tat offen zugegeben. Ein Todesblick verpackt mit drohenden Worten, mehr hatte ich ihm nicht zu sagen, an diesem Tag. Danach lief ich vor zum Lehrerpult, zum Henker.

Der nächste Morgen, Kevin kommt später als ich. Setzt sich neben mich. Stille.
Doch in der 3ten Stunde mussten wir Partnerarbeit machen, also dreh ich mich zu ihm.

"Erst les ich dir vor, dann du mir, okay?" - schlag ich vor.
"Okay."

Ich les vor. Er unterbricht mich..

"Tut mir Leid wegen gestern."
"Ehm.. okay." - sage ich verwundert, nach einer kleinen Pause.

Dann les ich weiter vor.
Hat sich Kevin gerade tatsächlich bei mir entschuldigt? Der doofe Kevin?
Ich bin fertig. Kevin ließt vor.
Er ließt ganz ruhig und deutlich.

Nach der Partnerarbeit haben wir kein Wort mehr geredet, an diesem Tag.

Freitag, Kevin und ich sind wieder die Ersten. Zunächst sitzen wir nur da, dann fragt er etwas, ich antworte und wir reden. Es war ganz okay, aber ich mag ihn immer noch nicht. Er spricht wirklich laut und das tut etwas im Ohr weh.
Doch so langsam stört es mich nicht mehr, neben ihm zu sitzen. Ist jetzt einfach so.. .

Die Woche darauf lachen Kevin und ich sogar zusammen. Partnerarbeit macht fast Spaß und ich leih ihm sogar einen Bleistift.
Die Woche darauf komm' ich am Mittwoch mit einem neuen Top. Das Top hatte ich einen Tag zuvor mit meiner Mama gekauft, ich mochte es richtig arg! Und auch meine Klassenkameradinnen fiel es auf. Ich setz' mich neben Kevin.

"Du kannst ja richtig schön aussehn!"

Was? Waaas? Ich bin kurz schockiert.. als 9-jährige bekommt man niemals Komplimente, niemals! Die hört man nur, wenn ein Liebesgeständnis kommt. Kevin weiß das auch und reagiert entsprechend schockiert, dass er das einfach gesagt hat. Er schaut totel verschämt und mit knallrotem Kopf sofort auf sein Blatt und dann aus dem Fenster.

"Was hast du gesagt?" - frag ich.
"Nichts." - antwortet er ganz schnell.

Ich setzt mich hin, lächle geschmeichelt. Es klingelt und der Unterricht beginnt. Kevin kann mich immer noch nicht richtig ansehn. Aber irgendwie.. find ich ihn jetzt ganz okay.

Wochen vergehen.. Kevin und ich verstehen uns immer besser und dann nimmt er mich sogar in der Pause mit und ich darf mit den Jungs Fange spielen. Hier hab ich zum ersten mal in meinem Leben bemerkt, dass es viel cooler ist mit Jungs. Seit diesem Tag fand ich Mädchen doof und meinen Freundinnen gefiel das gar nicht, alle waren beleidigt.. "weil die Jungs Revan weggenommen haben und die ist jetzt auch so doof, wie die." - haben sie gesagt.
Es machte mich zunächst traurig, aber schon nach dem dritten Tag war mir es egal. Ich spielte einfach lieber mit Jungs, wie auch über 10 Jahre nach diesem Tag.

Ich war die ganze Zeit mit den Kumpels draußen. Meine Jeans waren zerrissen, meine schlichten Sweatshirts dreckig, meine Haare zerzauselt und meine Hände, Ellenbogen und Knie voller Schürfwunden.

Mit Kevin verstand ich mich jetzt richtig gut, er war jetzt mein Kumpel.
Hausaufgaben haben wir zusammen notiert. Partnerarbeit gut gemeistert und sogar einmal das Pausenbrot getauscht.

Im Mai gabs dann eine große Wende. Eines Montags wurden wir wieder alle an die Tafel gebittet und umgesetzt. Mit großer Angst stellte ich mir wieder die Frage. Neben wen werde ich sitzen? Wenn ich neben einem Mädchen sitzen muss, werde ich ihr gezicke nicht aushalten. Wenn ich neben einem Jungen sitzen darf, werde ich einen neuen besten Kumpel haben. Wenn ich neben Alex sitzen darf, werde ich bestimmt besser im Basketball. Wenn ich zu Sophia sitzen muss, werde ich bestimmt besser häkeln lernen.
Ich wurde platziert. Nun saß ich ganz vorne bei Amelie. Amelie war okay. Ich denke, ich werde schon gut mit ihr auskommen. Ich drehte mich um, nach dem alle saßen und ich schaute mir die Klasse von vorne an, wer nun endgültig neben wem sitzt. Wer sich als nächsten in wen verliebt und wer wen überhaupt nicht mag und weint. In der 2ten Reihe, links sitzt Kevin. Er schaut mich an und wieder nach vorne an die Tafel. Dann stuppst mich Amelie von der Seite und fragt nach einem Buntstift und ich fing an mit ihr zu reden, bis wir zusammen lachten und Pausenbrote tauschten.

Ich hatte nie wieder wirklich was mit Kevin zutun.

Kaffee war mein zweitgrößter Einfluss. Vielen Dank fürs Lesen!